90 Jahre Ritter-Pen - Kontinuität und Innovationskraft

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„Mein Großvater“, erzählt Arno Ritter, geschäftsführender Gesellschafter von Ritter-Pen, „verstand sich mit seinem Vater, der seit 1876 eine Kleinmöbelfabrik und Holzdreherei in Brensbach führte – Holzverarbeitung hat im Odenwald eine lange Tradition –, nicht besonders gut. Jacob Ritter war technisch interessiert, begeisterte sich für Maschinenbau und Elektrotechnik und meldete sich im Ersten Weltkrieg freiwillig zu den Fliegern, um hier die neuesten technischen Entwicklungen hautnah mitzuerleben. Im elterlichen Betrieb ließen sich nach dem Krieg seine Vorstellungen nicht umsetzen, und so gründete er sein eigenes Unternehmen.“

Zunächst lag der Fokus auf der Holzverarbeitung, man fertigte v.a. Holzkisten an. Mit der Weltwirtschaftskrise ab Ende der 1920er Jahre und dem damit verbundenen allgemeinen Niedergang der holzverarbeitenden Industrie wurde aber eine Umorientierung erforderlich. Jacob Ritter entschloss sich zu einem Branchenwechsel bzw. einer Erweiterung seines Unternehmens, indem er die Verarbeitung thermoplastischer Kunststoffe aufnahm. Es entstand die „Jacob Ritter KG Plastic-Erzeugnisse • Holzwarenfabrik“, wie das Firmenschild aus den 1950er Jahren – die Einzelfirma war inzwischen in eine Familien-Kommanditgesellschaft umgewandelt worden – ausweist. 1933 erwarb Jacob Ritter eine Bussmann-Presse auf dem damals neuesten technischen Stand und baute ein Verkaufsprogramm auf, zu dem etwa Rasierapparate mit Etuis und Zubehör, Puderdosen und Schmuckkassetten – auch in anspruchsvollen Varianten – gehörten.

„Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges sollte dann mein Großvater – der im Übrigen immer tatkräftig von seiner Frau Katharina auch in schwierigen Zeiten des Aufbaus unterstützt wurde – und ein großer Teil der Belegschaft zwangsweise dienstverpflichtet werden und in einem anderen Betrieb Rüstungsgüter herstellen“, erzählt Arno Ritter. „Er hat es dann geschafft, dass er und seine Leute von dieser Dienstverpflichtung freigestellt wurden, weil er glaubhaft machen konnte, wichtige Aufträge erledigen zu müssen – ich glaube, es waren Kisten für das Rote Kreuz. Jedenfalls blieb der Betrieb erhalten und überstand den Zweiten Weltkrieg.“

Nach dessen Ende besann man sich auf die Tradition und nahm die Holzverarbeitung wieder auf. Neben Schränken und Truhen wurden nun auch Gehäuse für Fernseher produziert – damals ein absoluter Luxusartikel.

Daneben setzte das Unternehmen auf die Verarbeitung des modernen Werkstoffs Kunststoff. Man formte aus dem Material z.B. Knöpfe und Zigarettenspitzen und lotete die Möglichkeiten eines neuen, zukunftssichernden Produktionsprogrammes aus. Jacob Ritter und sein Sohn Wilhelm, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in das elterliche Unternehmen eingetreten war, kamen überein, sich der Produktion von Schreibgeräten, insbesondere Kugelschreibern aus Kunststoff, zu widmen.

DIE ANFÄNGE DER KUGELSCHREIBERPRODUKTION

1948 begann man mit der Produktion von Schreibgeräten und Minen – in Zusammenarbeit mit einer befreundeten Automatendreherei. Es gab Probleme v.a. mit der Schreibpaste, dennoch startete der Verkauf 1948, und ab 1949 wurden die Schreibgeräte auf den ersten großen Messen in Frankfurt und Hannover präsentiert. Ab 1950 wurden dann ausschließlich Kugelschreibergehäuse produziert, der erste Druckkugelschreiber mit Kunststoffmechanik kam 1956 auf den Markt.

Die 1960er Jahre standen ganz im Zeichen der Expansion des Unternehmens, so wurden die Gebäude für die Spritzerei und den Werkzeugbau errichtet.

„Ein Meilenstein unserer Firmenhistorie ist das Jahr 1972“, stellt Geschäftsführer Jürgen Riedel fest – übrigens selbst seit mehr als 30 Jahren im Unternehmen. „Denn das ist das Geburtsjahr des legendären Kugelschreibers 280, der ein Vierteljahrhundert im Programm war und neue Standards in der Schreibkultur setzte. Hier lässt sich exemplarisch ein gutes Stück Ritter-Pen-Kultur aufzeigen: Unsere hauseigene Grafik hat nämlich dieses legendäre Schreibgerät behutsam modernisiert, charakteristische Merkmale aufgegriffen, wie z.B. den Drücker und die schwungvolle Linienführung des Clips, und neu interpretiert. Herausgekommen ist ein Klassiker mit modernem Design, funktional und doch mit eigener Ästhetik. Unser Schreibgerät Club ist die zeitgemäße Interpretation des Kugelschreibers 280 aus dem Jahr 1972.“

Man setzt im Hause Ritter-Pen auf Kontinuität und Fortschritt, auf das spezifische Know-how und die Kreativität der Mitarbeiter – nicht wenige der rund 120 Angestellten vor Ort in Brensbach sind seit Jahren – wenn nicht seit Jahrzehnten – dabei. Sie bilden einen wesentlichen Bestandteil des spürbaren Stils des Hauses – nicht nur erkennbar in der typischen Formensprache der vor Ort hergestellten Schreibgeräte. Dazu gehört auch der spezifische Spirit bei Ritter – eine außergewöhnliche Firmenkultur, die sich auch im unkonventionellen, geradezu familiären Umgang untereinander und den ausgesprochen flachen Hierarchien ausprägt. „Wir legen größten Wert auf ein gutes Arbeitsklima, zufriedene, einsatzfreudige Mitarbeiter und auf Kontinuität in der Belegschaft“, erklärt Riedel.

KONTINUIERLICHE EXPANSION

Kontinuität prägt auch die Führung des Familienbetriebs. Arno Ritter, heutiger Inhaber, übernahm ab 1994 die Verantwortung für das Unternehmen und führte den Expansionskurs konsequent fort. „Unsere Strukturen – auch die des Firmengeländes – sind gewachsen und zweckmäßig“, erklärt Riedel. „Wir erzielen ein kontinuierliches, organisches Wachstum zwischen 3 und 5% jährlich, bilden unseren Nachwuchs i.d.R. selbst aus und investieren regelmäßig in die Optimierung unseres Maschinenparks und des Workflows. Neben der spezifischen Formensprache, den besonderen Materialien und der Qualität unserer Schreibgeräte spielt auch die Haptik eine herausragende Rolle. So haben wir bereits vor mehr mals 30 Jahren in die Technik des Zweikomponenten-Spritzgusses investiert und entsprechende Maschinen gekauft. Das war der Beginn einer ganzen Reihe von besonders rutschfesten und attraktiv gestalteten Kugelschreiberunterteilen. Die relativ einfachen, aber dennoch sehr funktionellen Griffstücke beim Diva oder dem Kugelschreiber 900 machten den Anfang. Neben dem KS Club, der bei einigen mittlerweile sogar als Kult-Kugelschreiber gilt, findet man hochkomplexe TPE-Griffstücke im Materialmix mit ABS. Für die Neuheiten Atmos und Ellips wurde aktuell eine weitere hochmoderne Zweikomponenten Spritzgießmaschine in den Maschinenpark integriert.“

Das Firmengelände in Brensbach umfasst rund 16.500 qm, davon sind ca. 11.000 qm Produktionsfläche. Bei Bedarf kann jederzeit erweitert werden, wie das in der Vergangenheit auch kontinuierlich gemacht wurde – anschaulich untermauert durch historische Aufnahmen aus der Vogelperspektive aus den 1950er Jahren und heute. Hier wird vor Ort alles unter einem Dach produziert – vom Werkzeugbau in der eigenen Schlosserei über Spritzguss und Montage bis hin zur Bedruckung bzw. Veredelung, Konfektionierung und Versand. So arbeiten in der Spritzguss-Abteilung rund 40 Automaten mit einer Haltekraft zwischen 25 und 220 t. Die Veredelung vor Ort erfolgt mit Tampon- und Siebdruckautomaten, zudem wird Folierung angeboten, ebenso stehen moderne Anlagen mit UV-Trocknung zur Verfügung. Es werden nicht fertig montierte Kugelschreiber gelagert, sondern die diversen, untereinander frei kombinierbaren Komponenten, die ein schier unbegrenztes Spektrum unterschiedlicher Varianten gestatten. Arno Ritter: „Es lagern hier vor Ort ständig rund 110 Mio. Einzelteile. Dies trägt enorm zur Flexibilität und extrem schnellen Lieferfähigkeit bei. Dank unseres eigenen Musterbaus – es kann bei den unterschiedlichen Einzelteilen jeweils aus den angebotenen Farben gewählt werden – gehen nach der Bestellung durch die Handelspartner die Muster i.d.R. am nächsten Tag raus.“

Einige Veredelungen – z.B. Lasergravuren – werden nicht in Brensbach, sondern auf der „verlängerten Werkbank“ in Polen und Tschechien, wo Ritter-Pen mit eigenen Niederlassungen präsent ist, umgesetzt.

Seit 2001 produziert man zudem im chinesischen Ningbo mit der eigenständigen Tochter Ningbo Ritter Stationery Ltd. Promotion Co. „Hier werden Schreibgeräte wie z.B. der Color Star, der kostengünstig ist und trotzdem qualitativ überzeugt, hergestellt“, erklärt Riedel. „Die in unserer chinesischen Produktion gefertigten und veredelten Schreibgeräte werden in unserem umfangreichen Katalog eigens mit Ritter Global ausgewiesen.“ Ansonsten gilt für die Kugelschreiber aus Brensbach das Siegel „Made in Germany“, alles wird im eigenen Haus hergestellt, zugekauft werden lediglich Minen und Spitzen.

Das Unternehmen, das zunächst nur Teile an heutige Mitbewerber lieferte und erst seit 1998 mit dem ersten Messestand auf der Düsseldorfer PSI-Messe den Werbeartikelhandel ins Visier nimmt – Arno Ritter: „Im Nachhinein eine goldrichtige strategische Entscheidung!“ –, sieht sich auch in Sachen Umwelt und Nachhaltigkeit in einer Vorreiterrolle.


VERANTWORTUNG FÜR DIE UMWELT

Bereits im Jahr 2008 wurde das Unternehmen für seine Schreibgeräteserie Bio-Pen mit dem Innovationspreis „Biowerkstoff des Jahres 2008“ ausgezeichnet. Diese Serie basiert auf „Biograde®“ und wurde gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut entwickelt. Riedel: „Das ist ein transparenter, spritzgussfähiger Biokunststoff, der auf Cellulose basiert. Anders als z.B. auf Mais basierende Rohstoffe hat er eine außerordentlich positive Ökobilanz. Unsere Bio-Pens bestehen zu 80% aus diesem Material, nur die Mechanikhülse und die Mechanik selbst werden noch aus ABSKunststoff gefertigt.“ Schon immer hat man darauf gesetzt, so umweltverträglich wie möglich am Firmensitz in Brensbach zu produzieren. „Bei uns liegt ‚Bio‘ auf der Hand“, stellt Riedel fest, „naturnahes Produzieren und Rücksicht auf die Umwelt sind für uns selbstverständlich. Nicht umsonst läuft der Brensbach mitten durchs Firmengelände von Ritter-Pen – ein blitzsauberes Gewässer, in dem sich die Fische tummeln.“

Da ist es nur konsequent, dass Ritter- Pen den Umwelt- und Nachhaltigkeitsgedanken vertieft und dies mit der jüngst kreierten eigenen Marke Ritter Cares unterstreicht. Ritter Cares vereint alle nachhaltigen Schreibgeräte aus der Eco- Line – vom Klassiker Carton, dem ersten ökologischen Kugelschreiber aus recycelter Pappe, bis hin zum Bio-Pen aus nachwachsendem Celluloseacetat. Neu im Programm ist der Crest Recycled, ein Werbekugelschreiber aus sortenreinem ABS-Kunststoff, der aus kunststoffreichen Abfallströmen – z.B. Staubsaugern, Küchengeräten und Werkzeugmaschinen – gewonnen wird. In einem speziellen Verfahren werden alle Kunststoffteile separiert, eingeschreddert und mit moderner Technik zum „Second Life“-Produktionsgranulat aufbereitet. Arno Ritter: „Der positive Nebeneffekt des ‚Post-Consumer Recycled Plastic‘ ist eine Energieeinsparung von 80% bei der Herstellung im Vergleich zu konventionell aus Rohöl hergestelltem Kunststoff.“ Der Crest Recycled ist in Schwarz und Hellgrau lieferbar, beim Drücker aus herkömmlichem ABS kann aus 27 Standardfarben gewählt werden. Damit definiert Ritter-Pen das Thema Recycling im Schreibgerätebereich vollkommen neu.

Man darf gespannt sein, was nach diesem neuen Recycling-Standard noch an Innovationen bei Ritter-Pen bis zum nächsten „runden“ Jubiläum – dem 100-jährigen Bestehen des Familienunternehmens – präsentiert wird.

 

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